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Mein Kiefer knackt…na und?


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Mit dieser Gegenfrage beantworten vielen meiner PatientInnen meine Frage: „Haben Sie Probleme am oder mit dem Kiefergelenk?“  Dass das Knacken ein Zeichen einer weit fortschreitenden Störung sein kann, ist den wenigsten Menschen bewusst. Aus diesem Grund widme ich mich in diesem Beitrag dem oft vernachlässigten Kiefergelenk.

Das Kiefergelenk ist ein äußerst interessantes Gelenk. Es gehört zu den am meist unterschätzen Bereichen unseres Körpers, obwohl es das am meisten genutzte Gelenk ist. Es wird bei jedem Biss, bei jedem Wort  bewegt. Alleine auf Grund dieser Tatsache erscheint es verständlich, dass eine korrekte Position sehr wichtig ist. Aber zuerst möchte ich Ihnen einige anatomische Grundlagen des Kiefergelenks erläutern.

 

Anatomie des Kiefergelenks

Schädel vor schwarzem Hintergrund freigestellt

Wie Sie auf dem Bild sehen können, ist das Kiefer – bestehend aus dem Unter- und dem Oberkiefer – Teil des knöchernen Schädels. Es ist direkter Nachbar des Ohrs bzw. des Gehörganges. im Kiefergelenk zwischen den beiden Knochenteiles des Ober- und des Unterkiefers gibt es einen bandscheibenähnlichen Knorpel. Dieser dient der Reibungsverbesserung, der Dämpfung des Druckes beim Beissen und wirkt auch als Vergrößerung des Hebels-dadurch kann mehr Kraft angewandt werden. Die Muskulatur die mit dem Kiefergelenk verbunden ist bildet ein Verspannungsnetz, dass vom Kopf, über den Nacken bis zur Halswirbelsäule reicht.

Wie in jedem anderen Gelenk auch, gibt es im KG eine Vielzahl von Rezeptoren – das sind Nervenden die dem Zentralnervensystem ständig eine Vielzahl von Informationen liefert wie etwa Druck oder Stellung des Gelenks. Das Zentralnervensystem verarbeite diese Informationen und nutzt diese auch für Impulse zu zahlreichen anderen Muskeln – unter anderem auch zur muskulären Kontrolle des Beckens (!).

 

Fehlstellungen des Kiefergelenks

 

tmj-dysfunctions

 

An der oben gezeigten Darstellung können Sie „grün“ den „Discus“ also die Bandscheibe sehen. In der Abbildung ganz links oben sehen Sie die normale Position, bei den Abbildungen A bis D können Sie sehen, wie sich der Discus während der Öffnung des Mundes verschiebt und nach vorne rutscht. In Abbildung D sehen Sie – türkis eingezeichnet – wie die Stellung des Unterkiefers bei geöffnetem Mund eigentlich sein sollte. Dieses Verrutschen des Discus verursacht, ein manchmal sehr lautes,  Knacken. Vor allem bei maximaler Öffnung. Häufig verschiebt sich das Unterkiefer während der Öffnung auch zur Seite. Durch die Verschiebung kommt es zu einer sehr starken Belastung des Kiefergelenks, wodurch der Discus langsam zerrieben/ zerdrückt werden kann. Dieser Prozess der Jahre oder Jahrzehnte dauert kann äußerst schmerzvoll in einer Arthrose bzw. Arthritis der Kiefergelenke. Das Knacken verursacht in den seltensten Fällen sofort Schmerzen, weshalb viele Betroffenen dieser Tatsache häufig keine Aufmerksamkeit schenken. Leider kann dadurch eine ganze Folge von weiteren Beschwerden ausgelöst werden wie Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Nackenbeschwerden (Verspannungen o.äh.), Schulterbeschwerden und auch Beschwerden im Becken und der Lendenwirbelsäule. Da auch jeder Zahn eine Verbindung zu Gelenken und Organen hat, kommen durch die Fehlstellung des Kiefers auch andere Druckverhältnisse auf einzelne Zähne, was wiederum Beschwerden an den assoziierten Bereichen zur Folge haben kann. Die Zusammenhänge zwischen den Zähnen und anderen Bereichen im Körper ist Inhalt eines anderen Beitrages. In diesem Beitrag konzentriere ich mich auf Beschwerden die „nur“ vom Kiefergelenk ausgehen können . (CMD – Cranio Mandibuläre Dysfunktion ist die Fachbezeichnung von Störungen im und durch das Kiefergelenk) Am Ende des Beitrages können Sie noch ein Video sehen über die Mechanik des Kiefrknackens

Wie kommt es zu diesen Beschwerden, die mitunter so weit vom Kiefer entfernt sind?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich noch einmal zu den Rezeptoren des Kiefergelenks kommen. Diese Nervenden geben dem Zentralnervensystem wie gesagt ständige Information über die Stellung des Gelenkes. Ist das Kiefergelenk in einer Fehlstellung, verändern sich die Druckverhältnisse an den Gelenkflächen, was wiederum von den Rezeptoren aufgenommen und zum Zentralnervensystem weitergeleitet wird.

Sollte das Kiefergelenk „schief“ sein, wird das Zentralnervensystem die gesamte Muskulatur am Nacken so verändern, dass das Unterkiefer dem Horizont angeglichen wird. Das Resultat ist  z.B.: dass der Kopf leicht zur Seite geneigt wird. Es verändert sich die Position des Kopfes auf dem ersten Halswirbel (Atlas). Da die Wirbelsäule ein Ansammlung von vielen ausgleichenden Gelenken ist, setzt sich die Fehlstellung des Atlas in weiterer Folge in der gesamten Wirbelsäule fort. Vielfältige Beschwerden können die Folge sein. Setzt sich die Fehlstellung durch jahrelange Fehlbelastung im Kiefergelenk bis zum Becken fort, kommt es zu eine Verschiebung der Beckenknochen woraus sich ein Beckenschiefstand entwickeln kann. Eine funktionelle Beinlängendifferenz ist die Folge. Daraus resultieren häufig Bandscheibenbeschwerden, Leistenschmerzen, Schmerzen am Kreuzdarmbeingelenk, Kniegelenksbeschwerden und vieles weitere mehr. (LeserInnen meines Buches: „Erfolgreich gesund – der Körperlogik auf der Spur“ möchte ich auf das Kapitel 16 verweisen)

Aus diesem Grund ist es von großer Wichtigkeit, dass ein/e TherapeutIn bei den oben genannten Beschwerden auch immer das Kiefergelenk in die Untersuchung und die Therapie miteinbezieht. Wird das nicht gemacht, kann es zu einem schier endlosen Beschwerde-Ping-Pong zwischen „Oben“ und „Unten“ kommen. Die Therapie wird nur kurz oder gar nicht von Erfolg gekrönt sein.

Therapie beim Kieferknacken

Die therapeutischen Ansätze zur Korrektur der Kiefergelenksfehlstellung sind vielfältig. Meiner Erfahrung nach ist eine Kooperation mit einem/r Zahnarzt/Zahnärztin unerlässlich, da meist eine optimal angepasst Aufbissschiene gegeben werden muss. Ausserdem müssen auch die Zähne genau begutachtet und kontrolliert werden.

Therapeutisch gibt es einige erfolgreiche Konzepte wie z.B.: Cranio Sacral Therapie, Osteopathie, Manualtherapie, sanfte Chiropraktik sowie auch Psychotherapie.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie sich nicht „durchbeissen“ müssen und ein entspanntes Kiefergelenk Ihr Eigen nennen können.

Ihr Körperfunktionalist

Johannes R.

 

 

Hier noch ein Video in dem man die Zahnfehlstellung und das Kieferknochen sehr gut erkennen kann:

 

Links:

www.kiefergelenk.at

www.dgfdt.de

 

1 Kommentare

  1. Vielen Dank für die aufschlussreichen Erläuterungen zum Kiefergelenkknacken. Mein Bruder leidet schon viele Jahre während des Nachschlafes unter dieser Belastung. Er war damit noch nicht bei einem Arzt. Dass daraus ein Beckenschiefstand entstehen kann, haben wir noch nicht gewusst.

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